Die Idee ist hochprozentig: Global Innovation Network oder kurz GIN heißt das Zauberwort, mit dem UGS den an Schlagworten nicht armen PLM-Markt um ein weiteres bereichert. Dahinter steckt die Überlegung, dass Unternehmen sich nicht mehr nur auf ihren eigenen Erfindungsreichtum verlassen können, sondern sich durch Einbindung von Partnern, Zulieferern und Kunden neue Innovationsquellen erschließen müssen. Eine gemeinsame Basis von Produktinformationen und Prozess-Know-how soll helfen, den Innovationsprozess zu beschleunigen und die vorhandenen Ressourcen besser auszuschöpfen.
Zugegebenermaßen, ganz neu ist die Idee nicht. Sie ist etwa so alt wie der Collaboration-Gedanke, der vor etwa zehn Jahren aufkam, als das Web sich anschickte, neben anderen Geschäftsprozessen auch die Produktentwicklung zu revolutionieren. Eine Revolution, die statt ihre Kinder zu fressen in den Kinderschuhen stecken geblieben ist. Viele Unternehmen entwickeln ihre Produkte zwar heute zusammen mit externen Partnern an global verteilten Standorten, aber von der (Online-)Zusammenarbeit bei der Produktentwicklung sind sie noch weit entfernt. Statt Ideen werden immer noch vorwiegend Daten ausgetauscht.
Eigentlich ist die Idee ja verlockend: Mitarbeiter aller an der Produktentwicklung beteiligten Disziplinen, egal ob im Unternehmen selbst, bei einem Zulieferer oder beim Kunden beschäftigt, bringen ihre Anforderungen und Verbesserungsvorschläge frühzeitig in den Entwicklungsprozess ein und verhelfen dadurch den jeweils besten Ideen schneller zum Durchbruch. Alle Projektbeteiligten haben Zugriff auf die aktuellen Informationen der anderen Teammitglieder und ersparen sich unnötige und zeitraubende Änderungen, die durch die Arbeit mit veralteten Informationsständen verursacht werden. Ein schöner Traum, der jedoch oft genug an der Ecken und Kanten der Realität zerplatzt.
An den technischen Möglichkeiten liegt es nicht. Die haben sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Das gilt nicht nur für die Bandbreiten der Internet-, Intranet- und Extranet-Verbindungen, sondern auch für Funktionsumfang und Offenheit der PLM-Lösungen, die das informationstechnisches Rückrat der globalen Innovationsnetze bilden sollen. Sie unterstützen die verteilte Datenhaltung, verfügen über Werkzeuge für die Online-Kommunikation und erlauben den Zugriff von außen auf bestimmte Teilmengen von Daten, was gerade für die Einbindung von externen Partner extrem wichtig ist. Technisch ist es kein Problem mehr, PDM-Datenbanken so miteinander zu verlinken, dass man transparent durch die Systeme verschiedenerer Unternehmen navigieren kann. Es gibt Portallösungen für den Online-Zugriff und intelligente PDF-Dokumente, die dieselben Funktion online wie offline erfüllen.
Warum also sind die globalen Innovationsnetze nicht längst Realität? Weil die Zusammenarbeit von Herstellern, Zulieferern und Kunden im Innovationsprozess nicht in erster Linie ein technisches Problem ist. Sprachbarrieren, mentale Hindernisse, heterogene Prozesse und nicht zuletzt ungeklärte rechtliche Fragen sorgen dafür, dass die technischen Möglichkeiten bei der Zusammenarbeit über Unternehmens-, Länder- und Kulturgrenzen hinweg erst ansatzweise ausgeschöpft werden.
Die Zusammenarbeit in globalen Innovationsnetzen setzt größtmögliche Offenheit voraus und Offenheit erfordert Vertrauen, dass niemand die offen gelegten Informationen missbrauchen wird. Wer als Zulieferer seine PDM-Datenbank mit dem OEM-System verlinkt, muss die Gewissheit haben, dass andere Zulieferer nicht auf seine Daten zugreifen können. Und wer seine Auftraggeber in den Entwicklungsprozess einbinden will, um innovative Produkte schneller auf den Markt zu bringen, möchte verständlicherweise vermeiden, dass der Kunde mit dem Daten zum Mitbewerber rennt und sich ein alternatives Angebot erstellen lässt.
Der Schutz des geistigen Eigentums ist mit der Globalisierung ein ganz heißes Thema geworden, weil gerade die aufstrebenden Wirtschaften in Asien es mit den Eigentumsrechten oft nicht sehr genau nehmen und Produkte oder die Technologie einfach (raub)kopieren. Von daher muss sichergestellt sein, dass die globalen Innovationsnetze nicht zum Instrument des unfreiwilligen Technologie-Transfers werden. Die gängigen PLM-Lösungen mit ihren personen- bzw. rollenbasierten Zugriffskonzepten bieten keinen Schutz gegen den Missbrauch von Informationen durch autorisierte Benutzer, weil man dazu verfolgen können müsste, was die betreffende Person mit den Informationen gemacht hat.
Noch komplizierter wird das Thema dadurch, dass die globalen Innovationsnetze ja dazu dienen sollen, neue Ideen für bessere, noch kostengünstiger zu fertigende oder noch einfacher zu wartenden Produkte hervorzubringen. Man stelle sich einmal vor, ein Zulieferer schlägt beim Online-Brainstorming eine Lösung für ein bestimmtes mechanisches oder elektronisches Problem vor, die so innovativ ist, dass man sie patentieren könnte. Wem gehört diese Idee, die in der Zusammenarbeit mit anderen geboren wurde, und vor allem, wie kann der Eigentümer seine Rechte an der Idee nachweisen und gegebenenfalls einklagen?
Die verteilte Zusammenarbeit von verschiedenen Disziplinen und Organisationen bei der Produktentwicklung wirft also eine Reihe von Fragen auf, die vor dem Aufbau globaler Innovationsnetze halbwegs geklärt sein sollten. Sonst bleibt GIN eine berauschende, aber wenig ausgegorene Marketingidee, die sich auf dem Markt nicht durchsetzen wird. Zweifellos bieten globale Innovationsnetze ein erhebliches Nutzenpotential, aber das lässt sich nur ausschöpfen, wenn alle Beteiligten am Innovationsprozess daran partizipieren.